Aufruf zur Nachttanzdemo für Freiräume am 27. April 2013 in Mannheim


Das Jugendzentrum in Selbstverwaltung „Friedrich Dürr“ feiert dieses Jahr seinen 40sten Geburtstag. Das wollen wir mit einer Nachttanzdemo feiern. Gleichzeitig wollen wir mit dieser Demo die Idee selbstverwalteter Freiräume verbreiten und unsere Solidarität mit den vielen Projekten ausdrücken, die entweder für ein selbstverwaltetes Zentrum kämpfen oder von Schließung bedroht sind.

40 Jahre Juz – 40 Jahre Unbequem!

Seit 1973 ist das Juz ein Anlaufpunkt für junge Menschen und Erwachsene. Das JUZ entstand aus dem Bedürfnis nach einem Ort, an dem Menschen jenseits des kapitalistischen Wahnsinns ihr Leben selbst gestalten können – durch politische Veranstaltungen, Partys, Konzerte und ganz einfach durch die Möglichkeit, sich ohne Konsumzwang zu treffen, auszutauschen und zu organisieren.

Damit ist das Juz sicherlich kein Juz im „klassischen“ Sinne, sondern vielmehr ein Ort blühender Subkultur, politischer Debatten, schmutziger Parties und gemeinsamen Handelns. Dadurch war das Juz natürlich immer auch ein Ärgernis für Spießer, Ordnungsfans und die CDU und hat in der Stadt teilweise für heftigen Streit gesorgt.

Anfang der Neunziger Jahre zum Beispiel hat die Stadt Mannheim das Gebäude in den Quadraten, in dem das JUZ 20 Jahre zu Hause war, an das Textilkaufhaus Engelhorn und Sturm verkauft. Wo sich früher Jugendliche außerhalb der kapitalistischen Verwertungslogik selbst organisierten und aktiv wurden, wird heute in einem „Strumpfhaus“ überteuerte Unterwäsche unter die Menschen gebracht. Seit dem steht das Juz eher abseits in der Neckarstadt am neuen Messplatz. Nichts desto trotz ist das Juz immer wieder überall in der Stadt präsent und sorgt für Aufruhr.

Für Aufruhr sorgte auch der Namensgeber Friedrich Dürr. Wegen seiner Auflehnung gegen den deutschen Faschismus wurde Friedrich Dürr 1935 verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Doch selbst in der Gefangenschaft war er weiter aktiv. Maßgeblich beteiligt war er am Dachauer Aufstand, der die SS erfolgreich daran hinderte 30.000 Häftlinge kurz vor ihrer Befreiung durch die Alliierten zu deportieren und zu ermorden.
Der Name ‘Friedrich Dürr’ soll daran erinnern, dass konsequenter und unbeugsamer Antifaschismus trotz erbarmungsloser Unterdrückung und Repression durch die Nationalsozialisten existierte und dass dieser nach wie vor notwendig ist.
So ist das Engagement für eine befreite Gesellschaft auch schon immer Teil des Selbstverständnisses des Juz gewesen. Allerdings will sich das Juz nicht darauf beschränken mit warmen Worten und Pamphleten von der befreiten Gesellschaft zu reden, sondern versucht aktiv in seinem Alltag eine hierarchiefreie Organisation umzusetzen. Das ist nicht immer einfach, aber hat sich seit mittlerweile 40 Jahren bewährt.

Plätze und Häuser, die Alles anders wollen

Mit diesem Konzept steht das Juz zum Glück nicht alleine da. Auch in vielen anderen Städten gibt es Projekte, die sich Selbstverwaltung auf die Fahne geschrieben haben. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir bei allem einer Meinung sind sondern zeigt, dass die Idee selbstverwalteter Freiräume unterschiedlich gefüllt werden kann. Je nach Ausgangssituation, kann die konkrete Ausgestaltung und Organisation solcher Orte andere Formen annehmen. Was uns eint ist, der Wunsch unkommerzielle Kultur und emanzipatorische Politik zu ermöglichen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und uns aus den Unterdrückungsmechanismen, die unseren Alltag bestimmen, ein Stück weit zu lösen. In Zeiten in denen Verwertungslogik und Fremdbestimmung jeden Winkel der Gesellschaft für sich beanspruchen, bieten selbstverwaltete Freiräume einen Gegenpol in dem es möglich ist ohne Leistungsdruck, Konkurrenz und Blick auf Gewinn die eigenen Interessen zu verwirklichen und sich dabei selbst weiter zu entwickeln.
Dies setzen wir um, indem wir ganz bewusst auf bevormundende Sozialarbeiter_innen verzichten und eben genau das tun worauf wir Lust haben. Dabei zählt die Meinung aller Besucher_innen und Aktiven gleich.
Das Konzept selbstverwalteter Freiräume stellt sich also direkt und konfrontativ gegen die herrschende Praxis, das Zusammenleben zu organisieren. Daher ist es kaum verwunderlich, dass Initiativen für die Schaffung neuer Freiräume immer wieder vor großen Hürden stehen und zähe Kämpfe ausfechten müssen.

„Ich geb dir gleich Räumung!“

Damit nicht genug! Nicht nur neuen Projekten wird das Leben schwer gemacht, sondern auch den bestehenden Freiräumen werden Steine in den Weg gerollt. Sowie das Juz den Kapitalinteressen von Engelhorn und Sturm weichen musste, sind immer mehr Freiräume davon bedroht der Verwertungslogik zum Opfer zu fallen und sogar geschlossen zu werden. Wenn wir auf der Straße tanzen, dann nicht nur zum Feiern, sondern auch um den von der Schließung bedrohten Projekten und Räumen unsere Solidarität zu zeigen.

Freiraum tut not! Wegen und gegen Kapitalismus

Gezwungenermaßen setzen durch die Profitlogik des Kapitalismus Aufwertungsprozesse in den Städten ein, die aber mit Verdrängung, nicht nur selbstverwalteter Zentren, einher gehen. Was nützt einem beispielsweise noch eine weitere Luxus-Einkaufspassage in der Innenstadt, wenn man sich deshalb die Miete dort nicht mehr leisten kann und an den Stadtrand ziehen muss?
Kämpfe um selbstbestimmte Strukturen sind deshalb immer eng verbunden mit den Wünschen der Menschen nach einem Leben ohne Zwang.

In dem wir Projekte erstreiten, Häuser besetzen und uns nehmen was wir brauchen, stellen wir damit die Profitlogik und die bestehenden Besitzverhältnisse in Frage. Damit ist der Kapitalismus zwar noch lange nicht abgeschafft, aber wir haben einen Raum, davon zu träumen und Alternativen konkret anzupacken.

Infos: juz-mannheim.de